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Den hessischen Generalleutnant, den Freiherrn Heinrich Joseph von Weitershausen, nannte Rektor Reuß "Klein Steinheims berühmtesten Sohn". Der Gutshof der Familie von Weitershausen lag auf dem Gelände der heutigen Theodor-Heuss-Schule. Als Weitershausen am 26. November 1863 starb, verfaßte Major Karl Brodrück trotz großer Arbeitsbelastung – er war in den Jahren 1863/64 hessischer Delegierter bei den Verhandlungen, die zur Genfer Konvention vom Roten Kreuz führten – eine Biographie seines väterlichen Freundes, der ihm einst den Weg in den hessischen Militärdienst gebahnt hatte. Brodrück benutzte und zitierte Weitershausens interessantes Tagebuch über seine Erlebnisse in den napoleonischen Kriegen. Dabei wird auch ein Stück heimatlicher Geschichte beleuchtet. Wir bringen Brodrücks Aufsatz mit starken Kürzungen.

Freiherr von Weitershausen wurde am 25. Februar 1792 auf dem väterlichen Gute zu Klein Steinheim am Main, gegenüber Hanau, geboren. Die Überlieferung der Familie reicht weit zurück; der Stammherr soll mit der heiligen Elisabeth aus Ungarn nach Hessen gezogen sein, und gewiß ist, daß schon im 13. Jahrhundert die Familie in Hessen vorkommt. ... Vater und Großvater des Verstorbenen hatte in Kurmainz Militärdienst geleistet und sich später auf die Familienbesitzung in Klein Steinheim zurück gezogen, die bei der Auflösung des Kurstaates Mainz, in Folge des Lüneviller Friedens, an das jetzige Großherzogtum Hessen kam.

Der ältere Bruder ... Carl, später bei Waterloo in Ehren gefallen, war in das Kadettenhaus zu Kassel aufgenommen, und seine Auszeichnung dort, zog die Aufmerksamkeit des Kurfürsten auf ihn. Es wurde das die Veranlassung, daß auch der jüngere Bruder, Heinrich, dessen Andenken diese Zeilen gewidmet sind, in kurhessische Dienste trat, und schon im September 1804 finden wir ihn, noch nicht volle 13 Jahre alt, als kurhessischen Fahnenjunker in dem Infanterieregiment Kurprinz zu Hanau. ... Frhr. v. W. war schon im Juli 1805 zum Portepéefähnrich und eben erst (26. Oktober 1806) mit Bevorzugung zum Fähnrich (Lieutenant) ernannt worden, als die Katastrophe hereinbrach, die den Kurstaat Hessen und dessen Heer vernichtete. Der Kurfürst hatte in dem Krieg zwischen Frankreich und Preußen seine Neutralität wahren wollen, und die Folge war der Verlust seines eigenen Landes unmittelbar nach dem Doppelsieg Napoleons bei Jena und Auerstädt. Man hatte in Hanau selbst nicht einmal eine gerüchtweise Nachricht von dem Einrücken französischer Truppen in den Kurstaat und der Fluch des Kurfürsten aus Kassel, als auch da schon die Entscheidung nahte. Wie diese fiel und wie sie den Frhr. v. W. selbst traf, berichtet eine Aufzeichnung desselben, die wir hier einschalten.

Die Festung Hanau war armiert und hatte zwei Regimenter Besatzung, Kurprinz und v. Schaller, Letzteres ein Garnisonsregiment. Es mochte in der Mitte November sein, als ich die Wache an dem Kinzigtor hatte, wo gegen 3 Uhr Nachmittags eine Kalesche, mit vier Bauernpferden bespannt, ein französischer Voltigeur auf dem Bock, an dem Gattertor, das geschlossen war, anhielt und von der Schildwache gemeldet wurde. Ein Adjutant stieg aus, der mit mir sprechen begehrte. Er sagte mir, in dem Wagen befinde sich der Kommandant von Hanau, der Einlaß begehre. Ich war nicht wenig erstaunt über diese Mitteilung und sagte dem Adjutanten, ich kenne keinen anderen Kommandanten als unseren General v. Müller; wenn er es wünsche, so wolle ich ihn durch einen Wachmann zu diesem nach der Kommandantur bringen lassen, wo er seine weiteren Mitteilungen abgeben könne, allein seinen Obersten dürfte ich unter keinen Umständen passieren lassen, der müsse so lange vor dem Gatter halten bleiben. Nach einer Rücksprache auf französisch willigte, er ein, allein in die Festung einzutreten; ich ließ sogleich die Zugbrücke aufziehen, was den Obersten und den Voltigeur zum Lachen veranlaßte; auch meine Wache ließ ich auf den Wall treten und rüstete mich sehr kriegerisch, worüber der inzwischen herangekommene Adjutant des Generals von Müller mich lobte. Es dauerte nicht lange, so kam der französische mit dem Adjutanten des Generals v. Müller zurück, der dem französischen Oberst im Name des Generals bemerkte, daß er nicht eingelassen werden könne und sich sofort aus dem Bereich der Festung entfernen möge, ansonst die Wache auf ihn Feuer geben würde.

Ohne sich hierdurch erschrecken zu lassen, erwiderte derselbe: "Nun, ich gehe nach Dörnigheim. Wenn Sie gesonnen sind, die Festung zu übergeben, so lassen Sie mich dort rufen." Man kann sich einbilden, was dieser Auftritt unter der Garnison für einen Lärm veranlaßte. Die ganze Garnison wurde unter die Waffen gerufen und biwakierte auf dem Paradeplatz. Es entstand ein entsetzliches Durcheinander, da man von den Vorgängen in Kassel nichts wußte, keine Ahnung davon hatte, daß der Kurstaat bereits ein so trauriges Ende genommen hatte. In und um Frankfurt lagen viele französische Truppen; jede Stunde in der Nacht glaubte man sie schon Sturm laufen zu hören; alles war in höchster Aufregung, als der Morgen endlich Aufschluß brachte. Ich hatte noch die Wache am Kinzigtor, als um 9 Uhr eine Postkalesche auf der Straße von Windecken her kam und mit ihr ein Offizier, den der Kurfürst noch nach Hanau entsendet hatte, damit die Festung sich nicht verteidigen, sondern an die Franzosen sich ergeben möge. Als dieser Offizier mich ansichtig wurde, rief er: "Ach Gott, mein Herr Kamerad, alles ist verloren, der Kurfürst ist weg und die Franzosen sind in Kassel. Ich muß schnell zum Kommandanten." Hier zeigte er mir ein Papier, auf dem mit Bleistift geschrieben stand: "Hanau soll sich nicht verteidigen, sondern an die Franzosen ergeben. General von Thümmel".

Gleich nach Ankunft dieser Offiziers berief General von Müller einen Kriegsrat ... Der Zustand schwankte zwei Tage, bis man zu einem Entschluß kam; die Garnison biwakierte inzwischen auf dem Paradeplatz ... Endlich schickte man nach Dörnigheim und ließ den angekündigten französischen Oberst bitten, in die Stadt zu kommen. – Das Militär war noch auf dem Paradeplatz aufmarschiert, als der neue Kommandant von Hanau ankam. Nachdem er die Truppen flüchtig gemustert hatte, befahl er, die Waffen in das Zeughaus abzuliefern und die Mannschaft augenblicklich zu entlassen ... und nachdem die Mannschaft aus den Toren war, kam der Befehl an die Offiziere, um 12 Uhr des anderen Tags vor dem neuen Kommandanten sich einzufinden. Hier wurde nun jeder nach seiner Heimat gefragt, und wo es hieß ein Ausländer, auf die rechte Seite verwiesen. So ... wurde uns der Befehl, binnen 24 Stunden die Stadt zu räumen; die Inländischen mußten ihr Ehrenwort geben, die Stadt ohne Erlaubnis nicht zu verlassen ..."Dasselbe Verhängnis, das den Kurstaat Hessen vernichtet, hatte so auch dem Dienstlauf des noch nicht volle 15 Jahre zählenden Fähnrichs ein rasches Ziel gesetzt. Aber ... er kehrte auf das nahe elterliche Gut mit dem Bewußtsein zurück, daß er auch die militärische Prüfung der letzten Tage, wo die Situation für den jungen Offizier auf der Torwache gewiß seltsam genug war, in Ehren bestanden hatte.

Auch den älteren Bruder Carl hatte das Los getroffen, daß er als Ausländer aus dem von Napoleon vergewaltigten Kurstaat entfernt wurde. Beide Brüder fanden sich so in schwerer Zeit und mit zerstörter Lebenshoffnung am elterlichen Herd aufgenommen. Die Lage währte indeß nicht lange. Carl trat schon bald danach in herzoglich nassauische Militärdienste, während Heinrich im Frühjahr 1807, nachdem er kaum sein 15. Lebensjahr vollendet hatte, als Lieutenant in den Dienst des Großherzogs von Hessen eintrat, dessen Untertan die Familie nach Auflösung des Kurstaates Mainz geworden war ... (Brodrück berichtet nun, wie Weitershausen mit den hessischen Truppen an Napoleons Feldzügen gegen Österreich (1809) und Rußland (1812/13) teilnahm und schließlich den Rückzug der großen Armee im Winter erlebte.)

Der Rückzugsmarsch bis Wilna hatte auf einer kurze Strecke die Straße berührt, auf welcher die Trümmer der großen Armee zurückwichen. Das Korpsunter Wrede, vergleichsweise noch eine ungebrochene Kerntruppe, sah die erschreckenden Zeichen des Elends, in dem die große Armee aufgelöst war. Wir verzichten darauf, aus den Tagebüchern eingehendere Schilderungen aufzunehmen, wie sie anderwärts ohnehin sich finden. "Es war ein Jammer, diese vor fünf Monaten noch so schönen Truppen wieder zu sehen; sie waren eine zügellose wilde Horde geworden, ein Gemisch von Skeletten in Lumpen gehüllt, ohne Waffen, ohne Kommando, alle Waffenarten bunt durcheinander gemischt. Das menschliche Elend hatte keine Grenzen." – Auch Frhr. v. W. litt unter Unwetter und Strapazen, unter Kälte und Not; schon vor Wilna waren seine Füße erfroren; aber er ertrug Ungemach und Entbehrung mit jugendlicher Kraft und der seltenen Willensstärke, die bis an sein Ende ihm eigen war. Nur die dauernde Einwirkung all‘ solcher Umstände brach endlich auch diesen Widerstand, und auf dem ferneren Rückzug kam er am 9. Januar 1813 "halb tot in einem Schlitten" zu Danzig an, indes sein arg gelichtetes Regiment de Rückmarsch fortsetzte. Die Pflege, die er in Danzig fand, förderte indes eine rasche Genesung, so daß er schon nach etwa 14 Tagen hätte weiter gebracht werden können; aber Danzig ward jetzt eingeschlossen, alle Wege gesperrt. So wurde er mit etwa 80 hessischen Soldaten dem 6. Regiment der Garnison von Danzig zugeteilt, das aus allerlei Truppenresten, namentlich Sachsen und Thüringern neu gebildet war, und in diesem nahm er dann ... teil an den Ereignissen der lagen Belagerungszeit ...

(Brodrück berichtet nun von Weitershausens Erlebnissen bei der Belagerung, wie er mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet, verwundet und schließlich krank wurde.)

Er lag noch krank, als gegen Ende November die Kapitulation abgeschlossen wurde, in Folge deren er dann nach seiner Genesung endlich Danzig verließ, um über Berlin und Leipzig nach der Heimat zurück zu kehren. Am 15. Februar 1814 erreichte Frhr. v. W. das elterliche Gut zu Steinheim, wo man seit dem Brief aus Tilsit keine Nachricht mehr von ihm erhalten und ihn darum längst als tot beklagt hatte ...

Die uns vorliegenden Tagebücher schließen mit der Rückkehr in die Heimat. Wir geben darum für die folgende Zeit nur kurz die Tatsachen. Frhr. v. W. machte die Feldzüge von 1824 und 1815 in Frankreich mit und durchlief dann im Frieden bis 1844 die Grade bis zum Obersten. Als solcher befehligte er 1848 sein Regiment und eine Batterie in Schleswig-Holstein, 1849 eine Brigade des Neckarkorps im badischen Feldzug. 1853 wurde er Brigadegeneral, bei der Mobilmachung von 1859 Generallieutenant und Kommandant der Armeedivision. Ehren und Anerkennungen sind ihm in reicher Zahl zu teil geworden. Das letzte Zeichen der anerkennenden Gnade seines Kriegsherrn war das Großkreuz des Ludwigsordens, dessen Verleihung ihm noch eine seltene Freude bereitete, das zu tragen ihm aber nicht mehr vergönnt war, weil er schon da von der tödlichen Krankheit ergriffen war, die bald danach seinem Leben und Wirken ein Ziel setzte ...

Wer ihn ... gekannt hat mit all der jugendlichen Frische, die bis an sein Ende ihn auszeichnete, mit der raschen Beweglichkeit, mit dem lebendigen Tätigkeitstrieb im Beruf, ... mit der festen Energie, die er der tödlichen Krankheit ebenso entgegen setzte, wie er dem Tode im Felde so vielfach getrotzt hatte, der wird dem Heimgegangenen ein warmes Andenken bewahren, und mit Bewegung wird er an dem Grabe stehen, für dessen Denkstein der Verstorbene selbst die Aufschrift bestimmt hatte: Hier ruht Heinrich von Weitershausen, im Leben Generallieutenant.

Von Karl August Brodrück

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