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Professor Johannes NeebDer berühmteste Vertreter der heute noch in beiden Teilen Steinheims weit verzweigten Familie Neeb war Professor Johannes Neeb. Er wurde am 1. September 1767 in der Groß-Steinheimer Kirchgasse, der heutigen Bickenstraße, geboren. Dort trieb sein Vater Johann Baptist Neeb mit zwei Gesellen und zwei Webstühlen das Strumpfweberhandwerk. Oft mag der kleine Johannes da zugesehen haben, und das Bild von der harten Arbeit im Elternhaus hat sich ihm tief eingeprägt. Jahrzehnte später schrieb er noch (Verm. Schr. 1, 46): "Die Weber werfen von Morgens früh bis Abends spät das Schiffchen hinüber und herüber. Man wird schwindlich vom Zusehen, und sie kommen nicht von der Stelle. Ein Battistweber bringt sein Leben kein so großes Stück zuwege, als du gestern mit deinen paar Gäulen in der Langgewanne gepflügt hast".

Ein Bruder der Mutter, Pfarrer Schreck auf dem Spessart, nahm früh den Kleinen in sein Haus und bereitete ihn auf das Aschaffenburger Gymnasium vor. Anschließend bezog er die kurfürstliche Universität in Mainz. Diese war gerade erst im Sinne der Aufklärung reformiert worden. Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal hatte 1784 drei der reichsten Mainzer Klöster (Karthaus, Altenmünster und Reichenklaren) aufgehoben und ihr Vermögen der Universität überwiesen. Er vermehrte die Lehrstühle und berief neue Kräfte, die meist ganz im Sinne der Aufklärung unterrichteten. Hier erfuhr Neeb die entscheidende geistige Formung. Im hohen Alter, 1839, wenige Jahre vor seinem Tod, entwarf er noch einmal aus der Erinnerung ein liebevolles Bild seiner Lehrer und der Mainzer Hochschule (L. Just u. H. Mathy), "die in den Jahren 1783 bis 1792 auf ihrem höchsten Glanzpunkte stand".

Im Juni 1791 erwarb Neeb den philosophischen und im August den theologischen Doktortitel. Noch im Jahre 1791 wurde er als Lehrer am Aschaffenburger Gymnasium angestellt. Aber bereits am 22. Mai 1792 berief der letzte Kölner Kurfürst Maximilian Franz, ein Sohn der Kaiserin Maria Theresia, den noch nicht fünfundzwanzigjährigen jungen Gelehrten und Geistlichen als Professor der Philosophie an die 1786 zur Universität erhobene Bonner Hochschule. Neeb entfaltete als Schriftsteller und Professor eine weitreichende Wirksamkeit. Inzwischen war jedoch die französische Revolution ausgebrochen. Als im Oktober 1794 die französischen Truppen in Bonn einmarschierten, zerstreuten sich die Professoren und die Studenten. "Neeb zog sich in sein Vaterland zurück und weihete im einsamen Spessart seine Muße ungestört dem Dienste der Wissenschaften" Inzwischen hatte bereits im Oktober 1792 die Haupt- und Residenzstadt Mainz vor den französischen Revolutionstruppen unter Custine kapituliert. Der Kurfürst war geflüchtet, und ein großer Teil der von ihm ehemals berufenen Professoren, an der Spitze der Weltumsegler Georg Forster, bestätigten sich führend in der neu gegründeten revolutionären "Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit", dem "Klub". Zwar konnte die Reichstruppen noch einmal im Juli 1793, nach der von Goethe beschriebenen Belagerung von Mainz, die Stadt zurück gewinnen. Sie blieb aber auch in den folgenden Jahren heiß umkämpft und kam 1798 endgültig in französischer Hand. Im gleichen Jahr versuchte man, die aufgehobene kurfürstliche Universität wieder zu beleben. Als ihre Nachfolgerin errichtete die französische Verwaltung eine Zentralschule. An ihr erhielt Neeb am 1. November 1798 den Lehrstuhl "der Philosophen und Moral". Als zweiten Philosophen bemühte man sich, neben Neeb den seit 1794 in Jena lehrenden J. G. Fichte zu berufen. Dieser wäre gerne nach Mainz gegangen. Während er später, zum Beispiel in seinen "Schriften an die deutschen Nation", zu den Beförderern des deutschen Nationalgedankens gehörte, war er in den neunziger Jahren, wie viele Intellektuelle, begeistert von den Ideen der französischen Revolution. Er schrieb 1798: "Mir wäre nichts erwünschter, als mein Leben dem Dienste der großen Republik (Frankreich) für die Bildung ihrer künftigen Bürger zu weihen".

Auch Neeb begeistert sich damals für die neuen Ideen: Freiheit, Gleichheit, Abschaffung der Fürstenherrschaft, Republik und Weltbürgertum. Seit 1799 beteiligte er sich an der Mainzer Stadtverwaltung, war "Mairie-Adjunkt" (= Beigeordneter) und Beamter des Zivilstandes. An den republikanischen Festen hielt er Reden, die zum Teil gedruckt erhalten sind. So behandelte er noch am 10. April 1799, dem Nationalfest der Gefangennahme des französischen Königs Ludwigs XVI., die Vorzüge der Republiken gegenüber den Monarchien. In diese Zeit fällt auch ein Kontakt Neebs mit dem Dichter Friedrich Hölderlin, der damals in Bad Homburg lebte und ebenfalls für die Gedanken der Revolution aufgeschlossen war. Für die von ihm geplante Zeitschrift "Iduna" hatte Hölderlin Neeb als Mitarbeiter angeworben. Aber über der ersten französischen Republik erhob sich bereits drohend der Schatten des neuen Diktators Napoleon Bonaparte. Auch in ihm sah Neeb ursprünglich "den erhabnen Geist der Freiheit, der Freiheit liebsten Sohn, der Freiheit tapfersten Verfechter". Aber 1803 verwandelte Napoleon "die Zentralschule in ein Lyceum, und abhold allen "Ideologen" ließ er daselbst keine Phhilosophie Lehren".

Neeb verlor seine Anstellung. Auch sonst dürfte er ernüchtert gewesen sein nach all den glanzvollen Erwartungen. In einem Meer von Blut und Kriegen versanken jetzt die Hoffnungen der Revolution.

In Bonn hatte sich Neeb mit Heinrich Foelix angefreundet. Er war Geheimsekretär und Vorleser des in Bonn residierenden letzten Kölner Kürfürsten Maximilian Franz. Diesen hatte er nach der Vertreibung auf die verschiedenen Stationen seines Wanderlebens und nach Wien begleitet. Schließlich hatte sich Foelix in dem rheinhessischen Dorf Niedersaulheim niedergelassen. 1805 folgte ihm Neeb und pachtete in Niedersaulheim das Gut des Freiherrn von Dienheim, das später erwarb. Schon im gleichen Jahr wurde er zum Maire (Bürgermeister) ernannt. Dies blieb er auch nach dem Zusammenbruch der französischen Herrschaft, insgesamt 38 Jahre, bis er am 6. November 1842 das Amt in die Hände seines Sohnes legte. In Niedersaulheim entfaltete Neeb eine weit gefächerte Tätigkeit, in der sich Theorie und Praxis verbanden, in der immer wieder die Forderungen des Tages vom theoretischen Denken geprüft und gefördert wurden.

Neeb entwickelte sich bald zu einem Musterlandwirt. Er bemühte sich um die Verbesserung der landwirtschaftlichen Methoden, der Düngung, aber auch um das Feuerlöschwesen und die eines neuen Friedhofs außerhalb des Ortes. Sonnenlose Hänge ließ er für den Brennholzbedarf aufforsten. Daneben lief eine umfangreiche Korrespondenz. Neeb "stand in engem Kontakt und Austausch mit der geistigen Elite des Rheinlands".

Im Anschluß an die Revolution begann im Rheinland im politischen Raum die Presse einer Rolle zu spielen, wenn sie auch bald von der napoleonischen Zensur wieder unterdrückt wurden. Neeb schrieb glänzend und leicht zu den Themen des Tages, zu Literatur, Politik, Wirtschaft, Kunst oder zu Fragen der Landwirtschaft. So nimmt er auch eine wichtige Stelle ein in der Geschichte der rheinischen Presse vor der Märzrevolution von 1848. Trotz der Zensur lanzierte er kritische Äußerungen gegen Napoleon. In einer Zeit, als Deutsche und Franzosen hart gegeneinander standen, blickte Neeb schon auf den Ausgleich, sah er das Ideal in einer Synthese deutschen und französischen Wesens, wenn er schrieb "Beide Nationen werden durch einen liberalen Verkehr, durch Tausch ihrer gelehrten Nationalprodukte gegenseitig sich unterrichten, und zu dem gemeinsamen Zweck einer vollständigen Ausbildung des menschlichen Geistes sich vereinigen".

Daneben standen immer wieder die harten Forderungen der napoleonischen Kriegszeit: die Konskriptionen (Rekrutenaushebungen), Einquartierungen, Requisitionen und Fuhrleistungen. Selber berichtete er, am 3. Januar 1814, abends 9 Uhr, seinen fünf Pikenträger in seinen Hof geritten. Einer, der französisch sprach, habe 2000 Kosaken angekündigt. Schließlich seien 500 gekommen mit 700 Pferden. Nach einer Niedersaulheimer Überlieferung legte sich der Herr Professor, als ihm seine aufgeregte Magd die Ankunft der Kosaken meldete, zunächst einmal kurz auf das Sofa, um sich zu sammeln. Dann gab er die nötigen Anweisungen.

Auch nach der Niederwerfung Napoleons konnte Neeb sich nicht dazu entschließen, das liberale Erbe der Revolution zu verleugnen. 1816 schrieb er an Niklas Vogt, der schon auf der Mainzer Universität sein Lehrer gewesen war "Die französische Revolution entwickelte große Tugenden und große Laster; was darin von Gott ist wird bleiben.....Gott, der die Menschheit durch uns verborgene Wege leitet, weiß, in welcher günstigen Zeit die liberalen Ideen, die damals gesäet wurden, zur Wirklichkeit aufsprossen und einst zu Thaten reifen".

1808 heiratete Neeb, der wohl schon in den neunziger Jahren sein Priestergewand ausgezogen hatte, seine Haushälterin Maria Anna Drach aus Kleinwallstadt bei Aschaffenburg. Er war 41 Jahre alt. Es lebte damals noch ein jüngerer Bruder Joseph, der in Prag Hofmeister bei dem Grafen Schlick war. Aber bereits im Februar 1809 starb Frau Maria im Kindbett. Ihr Söhnchen war ihr zwei Tage voraus gegangen. Auch seine zweite Frau, die zweiundzwanzigjährige Sophie Balbier, Tochter des evangelischen Pfarrers im benachbarten Wöllstein, die Neeb am Ende des Jahres 1809 geheiratet hatte, starb schon 1810 mit ihrem Kind im Wochenbett. Aus seiner dritten Ehe, die er 1815 schloß, hatte er mehrere Kinder, bis auch diese Frau 1820 im Wochenbett starb.

Neeb ist einer der frühesten hessischen Parlamentarier und wohl der erste Steinheimer, der einem Parlament angehörte. Bereits in der französischen Zeit war er Mitglied des Rats des Donersberg-Departements. Später gehörte er dem Provinzialrat von Rheinhessen an. Als schließlich der hessische Großherzog 1820 seinem Land eine Verfassung gab, wurde Neeb als Abgeordneter in die zweite Kammer gewählt, der er lange angehört.

Damals suchte auch Neeb, der zeitlebens ein religiöser Mensch war und noch als Vierundsiebzigjähriger in einer Rede seiner frommen Steinheimer Eltern gedachte, die Aussöhnung mit der katholischen Kirche. Er hatte sich ihr wieder genähert, vielleicht unter dem Einfluß seines Freundes Foelix. Gegen das Versprechen, nicht wieder zu heiraten, erhielt der Verwitwete 1825 die Lösung von der Exkommunikation durch das Mainzer Generalvikariat.

Im Juni 1841 beging der Vierundsiebzigjährige in Mainz mit seinen Freunden sein fünfzigjähriges Doktorjubiläum. Es ehrte ihn die Universität Bonn, die Landesuniversität Gießen und der hessische Großherzog.

Als sich Neeb im Sommer 1843 auf dem Steinheimer Hof bei Eltville im Rheingau aufhielt, traf ihn der Schlag. Er verstarb am 13. Juni. So begann und endete sein Weg in einem Steinheim.

Von Dr. W. B. Kaiser

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