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Eine große humanitäre Leistung im 19. Jahrhundert war der Abschluß der Genfer Konvention und die Begründung des Roten Kreuzes. Der Genfer Philanthrop Henri Dunant (1828 – 1910) hatte auf den italienischen Schlachtfelder des zweiten Napoleon das Elend gesehen, das der durch die Mittel der Technik immer grausamer werdende Krieg verursachte. Er veranlaßte, daß die Genfer Gemeinnütziger Gesellschaft am 1.9.1863 die Einladung zu einer internationalen Konferenz verschickte, die vom 26. bis 29.10.1863 zusammentrat. Auf einer zweiten Genfer Konferenz, die der Schweizer Bundesrat einberufen hatte, wurde am 22. August 1864 von den Vertretern von 16 Ländern die Genfer Konvention unterzeichnet, der später die meisten Staaten beitraten. Danach sollten die verwundeten und erkrankten Soldaten ohne Unterschied der Nationalität aufgenommen und gepflegt werden. Das Pflegepersonal und die Sanitätsanstalten galten als unverletzlich und wurden mit dem roten Kreuz gekennzeichnet. In den meisten Ländern bildeten sich in der Folgezeit die Hilfsvereine, aus denen die heutige Rot-Kreuz-Organisation hervorgegangen ist. Jedes Schulkind kennt heute den Namen des großen Menschenfreundes Henri Dunant, der schließlich im 19. Jahrhundert in Armut und Vergessenheit geriet, bis er 1901 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Nur wenige wissen jedoch von Dunants Freund, dem Major Karl Brodrück den der hessische Großherzog als seinen Vertreter zu den beiden Genfer Konferenzen entsandt hatte, und der die Genfer Konvention für Hessen unterzeichnete.
Karl August Brodrück wurde am 23.7.1815 in Seligenstadt geboren. Der Vater , Landgerichtsassessor, verzog 1822 mit der Familie nach Groß-Steinheim. Dort starb er 3 Jahre später. In Groß-Steinheim wuchsen die Kinder heran. Die beiden Brüder Georg und Karl August fuhren täglich mit dem Marktschiff nach Hanau, wo sie das Gymnasium besuchten. Im Elternhaus wurde viel musiziert. Quartettabende fanden statt. Der Vater spielte Cello und komponierte. Karl August begann schon früh zu schreiben. Bald regte sich bei ihm das historische Interesse, wobei ihn wohl das Bild der mittelalterlichen Stadt mit ihren Mauern, Türmen und Toren anregte. Eine „Geschichte der Stadt Steinheim“, die er als Gymnasiast wohl um 1830, schrieb, soll sich in Schulhefte erhalten haben. Damals wollte Karl Brodrück noch Geschichte studieren. Aber das Studium das älteren Bruders, später isenburgischen Kammerraten in Büdingen, der in Gießen Jura studierte und dort, in politisch bewegter Zeit, der Burschenschaft angehörte, strapazierte das Einkommen der verwitweten Mutter. Karl Brodrück wurde daher Soldat. Hier bot sich die Vermittlung des Freiherrn Heinrich Joseph von Weitershausen, des späteren hessischen Generalleutnants. Er stammte aus Klein-Steinheim.
Das Gut der Familie Weitershausen lag auf dem Gelände der heutigen Theodor–Heuss-Schule. Am 16.8.1831 trat Brodrück als Freiwilliger in Weitershausens Kompanie beim 2. Infanterieregiment (Großherzog) ein. Er diente später in Offenbach, Worms und Darmstadt. 1860 wurde er Major, zeitweise gehörte er dem Generalquartiermeisterstab (= Generalstab) an. Seine historische Interessen blieb Brodrück auch als Offizier treu. Seit 1852 unterrichtete er an der Darmstädter Militärschule. Sein Fachgebiet war die Kriegsgeschichte. Er veröffentlichte dazu eigene Forschungen, die besonders der hessischen Kriegsgeschichte galten. 1858 erschien sein Werk „Quellenstücke und Studien über den Feldzug der Reichsarmee von 1757. Ein Beitrag zur deutschen Geschichte im 18. Jahrhundert“ (XII, 379 Seiten). Er untersuchte darin den Feldzug der Reichsarmee, in der auch hessische Einheiten standen, die 1757 von Friedrich dem Großen bei Roßbach vernichtend geschlagen wurde. Ein zweites Buch, 1861 erschienen, befaßte sich mit einer Episode der napoleonischen Kriege: dem „Kampf um Badajoz im Frühjahr 1812“. Ein groß angelegtes Werk „Grundzüge zu Vorträgen über Kriegsgeschichte und Kriegslehre“ wurde infolge von Brodrücks frühem Tod nicht mehr vollendet. In dem Studium der Kriegsgeschichte sah Brodrück eine Denkschulung des künftigen Offiziers. „Alle wissenschaftliche Erkenntnis des Krieges soll im Krieg selbst wieder zur Tat werden“ schrieb er einmal (Walbrach, a. O. 450).
Im frühen 19. Jahrhundert verkörperte Karl Brodrück einen süddeutschen Typ des musischen und wissenschaftlich geprägten Offiziers, der aus dem gebildeten Bürgertum stammte und auch politisch von seinen liberalen und humanitären Ideen geformt war. So eignete er sich zu militärisch-diplomatischen Aufträgen, für die ihn der Großherzog verwandte. 1860/61 war er Vertreter auf den Militärkonferenzen in Würzburg, 1863/64 reiste er als hessischer Vertreter nach Genf und nach dem unglücklichen deutschen Bruderkrieg von 1866 sollte er zum Abschluß der Militärkonvention mit Preußen es nicht mehr.
Die politische Entwicklung, der Krieg der beiden deutschen Großmächte Preußen und Österreich, in den Hessen auf österreichischer Seite hineingezogen wurde, hatte ihn tief erregt. Er erkrankte noch während der Kämpfe zwischen Hessen und Preußen im Taubertal und starb am 9.11.1866 an einem Herzleiden „Opfer des diesjährigen Feldzuges....“, wie es in einem Nachruf hieß.
Von Dr. W. A. Kaiser
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