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Einer der erregenden Romane der Nachkriegszeit, „Das unauslöschliche Siegel“, erschien im Herbst 1946. Seine Verfasserin, Elisabeth Langgässer, hatte zwar bereits 1924 den Gedichtband „Im Wendekreis des Lammes“ veröffentlicht, war aber durch die Ungunst der Zeitverhältnisse in Deutschland fast unbekannt geblieben.
1899 in Alzey geboren, Halbjüdin, zeitlebens dem keltisch-römisch-christlichen Urgrund ihrer rheinhessischen Heimat verwurzelt, wurde sie in Darmstadt heran und erlebte dort den ersten Weltkrieg. Nach dem Abitur und einjähriger pädagogischer Ausbildung wurde sie Lehrerin. Neben dem Beruf mehr und mehr der Leidenschaft des Schreibens verfallend, gehörte sie bald mit Gleichgesinnten zu dem „Freitagskreis“ im Frankfurter Café Laumer und beschäftigte sich mit Beiträge in der „Rhein Mainischen Volkszeitung“ mit Zeitfragen. 1929 gelang ihr der Aufbruch nach Berlin, bis dahin hatte sie in Griesheim bei Darmstadt als Lehrerin gewirkt. Die Fesseln des Berufes ab streifend, wagte sie sich nun in den geistigen Mittelpunkt des damaligen Deutschland. Aber bald überschatteten die Zeitereignisse den Rausch des Schaffens, Schreibens, Diskutieren im gleichgesinnten Freundeskreis.
1932 schien ihr endlich mit der Verleihung des „Literaturpreises der Staatsbürgerinnen“ der Durchbruch als Schriftstellerin zu gelingen. Aber am 30. Januar 1933 ergriff Hitler in Berlin die Macht. Elisabeth Langgässers Romane „Proserpina“ (1934) und „Der Gang durch das Ried“ (1936) konnte zwar noch veröffentlicht werden, paßten aber nicht in die Ideologie der neuen Machthaber, sie selbst erhielt 1936 als „Halbjüdin“ von der Reichsschrifttumskammer ein Publikationsverbot. Die 1935 mit dem Philosophen Wilhelm Hoffmann geschlossene Ehe sicherte ihr bedrohte äußere Existenz. In den folgenden Kriegsjahren kam zu der aufreibenden Sorge um die Familie – die älteste Tochter verschwand im KZ – die Belastung durch den Einsatz in einer Fabrik. Trotz äußerster Anstrengung wuchs das Werk. Wie die Geburt der Kinder (sie hatte aus dieser Ehe noch drei Töchter) zehrte es an ihrer Lebenskraft.
Brachten ihr auch die Nachkriegsjahre die Bestätigung und endlich Anerkennung als Dichterin – weltweit, aber besonders im benachbarten Frankreich – löste sich auch der scheinbar Verlust der ältesten Tochter im Jubel der Wiederfinden, gelang ihr zuletzt noch die ersehnte Rückkehr in die Heimat, so zerbrach doch die äußere Form.
Am 25. Juli 1950 starb sie nach längerer Krankheit in Rhein-Zabern. Posthum erschien ihr letzter Roman „Die märkische Argonautenfahrt“ posthum wurde ihr der Georg-Büchner-Preis verliehen. 1920 war sie als junge Lehrerin in Klein-Steinheim als „Schulverwalterin“ tätig. Ein Foto zeigt sie mit ihren Schulkindern der Jahrgänge 1909 und 1910 und trägt auf seiner Rückseite den handschriftlichen Vermerk „unser Fräulein Langgässer“. Tatsächlich finden sich in ihrem großen Roman „Das unauslöschliche Siegel“, an dem sie zehn Jahre schrieb, auch einige Hinweise auf ihren Steinheimer Aufenthalt. So können wir von einem geplanten Ausflug lesen, der „ein Wasserschlößchen im Spessart“ zum Ziel hat. Es handelt sich um Mespelbrunn, ein beliebtes Ziel für Schulwanderung. An einer anderen Stelle läßt sie einen Wirt seinen Küchenjunge folgendermaßen beschimpfen: „Aber wer bist du? Der Sohn aus der Traube in dem dreckigen Offenbach. Ein Gar nichts bist du. Ein halber Preuße. Die Hebamme brauchte dir nur einen Tritt in den Hintern zu geben, so warst du schon über die Grenze“. Diese Stelle zeigt außer der Vertrautheit mit den politischen Verhältnissen und der Abneigung der hessischen gegen die „andere“, die preußische, Mainseite auch den trostlosen Eindruck, den die Stadt Offenbach nach vier schweren Kriegsjahren bot. Dem volkstümlichen Ausdruck „dreckig“ mag noch eine verstärkte Abneigung zugrunde liegen, amtierte doch auch in Offenbach der vorgesetzte Schulrat der Junglehrerin.
Die folgende Stelle ist wohl eine Erinnerung an ihre Steinheimer Zeit: Eine Pfarrershaushälterin öffnet einem Besucher nur zögernd die Tür mit der Entschuldigung: „Ich bin nur erschrocken, weil Sie den Fuß wie ein Landstreicher in die Türspalte setzten: das tat der andere auch. Verzeihen Sie.“ Plötzlich wurde ihr klar, daß ihre Meinung für den Besucher etwas Kränkendes habe mußte. „Mein Gott, was müssen Sie von mir glauben?“ begann sie mit flehender Stimme aufs neue und hob ihr kleines verschrumpeltes Gesicht, um Verständnis bittend empor. „Ich bin so ängstlich, seit man den Pfarrer in Heldenbergen ermordet hat. Sie wissen doch....“ Weitschweifig führte sie aus, wie der Pfarrer getötet wurde.“ Kenntnis von der Ermordung des Heldenbergener Pfarrers hat sie wohl von ihrem Kollegen Goy, der 1920 mit ihr an der Klein-Steinheimer Schule unterrichtete und aus Heldenbergen stammt.
Da sie sich bei der Niederschrift des Romans nicht mehr an Einzelheiten erinnert, spart sie die genauen Einzelheiten und verlegt die Tat in das Jahr 1914, obwohl sie bereits zehn Jahre früher geschah.
Von G. Kaiser
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